Willkommen auf unserem Blog

In unserem Blog möchten wir über unsere Erlebnisse und Erfahrungen erzählen und berichten, auf welche Barrieren wir als Gehörlose/Taube in unserem Leben im Saarland stoßen, z.B. in der Gesellschaft, in der Freizeit, in der Schule oder im Beruf. Dabei haben wir sicherlich eine andere Perspektive als "Fachleute"... und möchten uns auch politisch und sozial für unsere sprachliche und kulturelle Minderheit engagieren.

Über eure Kommentare über Erfahrungen, Meinungen, Anregungen usw. würden wir uns freuen.



26.09.2019

Symbolfoto
Symbolfoto

 

Wieder ein unglaublicher Vorfall beim saarländischen Amtsgericht

 

Vor kurzem erzählte mir eine taube Person von folgendem Vorfall. Wegen einer Bußgeldsache musste sie sich vor dem Amtsgericht verantworten. Da sie gehörlos ist, hat das Gericht sie vorab schriftlich informiert, dass eine Gebärdensprachdolmetscherin Frau P. M.-W. zum Gerichtstermin bestellt wurde. Sie hat zurückgeschrieben, dass sie diese Frau als Dolmetscherin ablehnt, weil sie nicht darin ausgebildet und staatlich geprüft ist und nicht in der Lage ist, alle gesprochenen und gebärdeten Inhalte während des Gerichtsverfahrens zu übersetzen. (Über eine ähnliche Situation habe ich schon berichtet, siehe Bericht vom 23. Juni 2017!)

 

Daraufhin bat sie, aufgrund ihres Wahlrechtes gemäß dem saarländischen Behindertengleichstellungsgesetz, zur Maximierung der Übersetzungssicherheit und um die vollständige Übertragung während der Verdolmetschung zu gewährleisten, um eine*n richtige*n Dolmetscher*in. Auf dieses Schreiben hin kam keine Antwort!

(Kurze interessante Anmerkung: Dieses Schreiben wurde trotzdem als Kopie vom Amtsgericht an ihren Rechtsanwalt zur Kenntnisnahme gesendet!)

 

Als die taube Person termingerecht im Raum des Amtsgerichts erschien, war dennoch die Dolmetscherin Frau P. M.-W. anwesend. Als der Richter (sein Name ist mir bekannt) anfing zu reden, wurde es nicht simultan gedolmetscht. Die taube Person fühlte sich kommunikativ stark eingeschränkt, beschwerte sich darüber und forderte, dass die Verhandlung aufgrund der nicht einwandfreien Kommunikation innerhalb des gesamten Gerichtssaales abgebrochen werden solle. Der Richter stellte sich quer und drohte ihr sogar mit einer Ordnungsstrafe von 200 Euro. Wie bitte...? Darf er das überhaupt? Das ist katastrophal und diskriminierend!

 

Daraufhin bat der Rechtsanwalt den Richter intuitiv und spontan, mit seinem Klienten kurz draußen zu sprechen zu dürfen. Gesagt, getan. Als beide zurück in den Raum kamen, wurde die Verhandlung kurz darauf eingestellt. Warum sie so plötzlich eingestellt wurde, weiß die taube Person nicht genau, weil es nicht ganz gedolmetscht wurde. Unglaublich, was der Richter da getan hat! *kopfschüttel*

 

Nun möchte ich hier mal genauer schildern, warum das Amtsgericht immer diese (nicht hochqualifizierte) Dolmetscherin bestellt hat. Diese Frau ist ein Coda (Children of Deaf Adults), das heißt, sie ist mit gehörlosen Eltern aufgewachsen. Außerdem arbeitet sie bei einer staatlichen Einrichtung in Saarbrücken, deswegen kann sie auch für Gerichtsverfahren zum Dolmetschen dienstlich zur Verfügung stehen. 

 

Entgegen der nach wie vor vorherrschenden Meinung, ist es ein großer Irrtum, zu glauben: "Wer gebärden kann, kann automatisch dolmetschen"!

 

Vor 2 Jahren habe ich das Amtsgericht schriftlich gebeten, zu überprüfen, ob diese Dolmetscherin über einen entsprechenden Nachweis verfügt. Leider stellte sich das Gericht quer. Das Gericht nannte den total plausiblen Grund, dass sie vereidigt ist. Was hat diese Vereidigung mit einer entsprechenden Qualifizierung zu tun?

 

Die Bestellung eines externen Dolmetschers für Deutsche Gebärdensprache und Lautsprache kostet eine Menge Geld. Aber laut saarländischem Behindertengleichstellungsgesetz muss der Staat ihn bezahlen, weil Gerichtsverfahren auch für taube Menschen voll und ganz verständlich sein müssen.

 

Ich habe der betroffenen Person empfohlen, sich an die Antidiskriminierungsstelle zu wenden, und ihr angeboten, sie zu dieser Stelle zu begleiten. Ob es etwas bringen wird, weiß ich nicht und hoffe trotzdem, dass sie meine Hilfe annimmt!

 

Von Peter geschrieben!


Kommentar/e: 2


#2

Name:  R

Datum:  10. Oktober 2019

Kommentar:  Wie das Symbolbild oben, konnte ich über diesen Vorfall nur den Kopf schütteln. Das ist ziemlich ärgerlich. An ihrer Stelle (der tauben Person) hätte ich schon gerne den genauen Grund erfahren, warum die Verhandlung plötzlich eingestellt wurde.

Das Behindertengleichstellungsgesetz dient dazu, dass die Benachteiligten die Rechte nutzen können. Hier im Fall wurden der tauben Person diese Rechte verwehrt.

Mich würde interessieren, wie es in den anderen Bundesländern aussieht. Stellen die Amtsgerichte in den anderen Fällen die staatlich geprüften Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung?


#1

Name:  Maja

Datum:  07. Oktober 2019

Kommentar:  Sicher kann es vorkommen, dass das Gericht Personen als Dolmetscher zulässt, die ungeeignet sind, weil sie keine Ausbildung haben. Das ist sehr schlimm, weil Betroffene dem Geschehen bei der Gerichtsverhandlung nicht richtig folgen können.

Dass sich aber ein solcher Fehler nach 2 Jahren immer noch wiederholt, ist wirklich unglaublich!!!  Der Richter hat offenbar nicht verstanden, worin das Problem liegt!

Dabei hast Du es genau erklärt: Wer gebärden kann, kann nicht automatisch auch dolmetschen!


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30.05.2019

Symbolbild
Symbolbild

 Wievielmal musste ich das Wort „Fahrerflucht“ und „Strafe“ hören...?

 

Vor ein paar Wochen ist mir etwas passiert. Beim Ausparken musste ich besonders vorsichtig zurückfahren, da ein anderes Fahrzeug sehr nah hinter mir stand. Eigentlich durfte es dort nicht parken. Trotzdem ist es mir gelungen, meinen mittelgroßen SUV rauszufahren. Dank des Scheinwerferlichts habe ich zufällig entdeckt, dass ein Kratzer am Kotflügel des nebenstehenden Fahrzeuges zu sehen war. Ich bin nicht sicher, ob ich Schuld war, aber ich bin sofort ausgestiegen und habe bei meinem SUV geschaut, ob auch ein Schaden am Kotflügel vorliegt. Ich habe nichts gefunden, außerdem war es draußen dunkel. Sicherheitshalber habe ich das KFZ-Kennzeichen des nebenstehenden Fahrzeuges notiert. 

 

Während der Heimfahrt habe ich mir gedacht, dass ich meinen SUV bei mir zu Hause nochmal genauer anschauen werde, um sicher zu sein. Ein leichter Kratzer (siehe Foto unten rechts!) wurde doch gefunden. Dann wollte ich auf jeden Fall die Polizei sofort anzurufen. Keine Sekunde gezögert! Dank des Dolmetschservice Tess (https://www.tess-relay-dienste.de) habe ich der Polizei genau geschildert, was passiert war. Trotzdem wurde mir mit einer Strafe gedroht, da ich angeblich eine Fahrerflucht beging. Wievielmal musste ich dieses Wort während des Telefonats hören?

 

Nebenstehendes Fahrzeug
Nebenstehendes Fahrzeug
Mein SUV
Mein SUV

 

Auch wenn ich diesen leichten Unfall bemerken hätte, wäre ich trotzdem heimgefahren und hätte von Hause aus die Polizei angerufen. Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung wäre.

 

Einziger Grund dafür ist, dass die Kommunikation mit der Polizei per Dolmetschservice in eine gute Internetverbindung benötigt. Für Videotelefonie braucht man eine schnelle und stabile Verbindung. Ob das auch am Unfallort möglich wäre, da bin ich mir nicht sicher. Außerdem weiß ich nicht, ob der Funkempfang am Unfallort gut genug ist und auch ob mein Datenvolumen ausreicht. Dieser Service am Handy benötigt viel Datenvolumen für eine direkte und einwandfreie Kommunikation.

 

Eine 3. Person (die zum Beispiel in der Nähe wäre und bereit wäre, einen Polizeianruf zu machen.) kann man auch nehmen, aber wer haftet, wenn die Aussage dieser 3. Person falsch ist, weil ich diese Aussage nicht hören bzw. kontrollieren kann. 

 

Die Gebärdensprachdolmetscher von Dolmetschservices arbeiten sehr professional und versuchen immer den vollen Inhalten an den Gesprächspartner zu übertragen und auch umgekehrt.

 

Zurück zu dieser Geschichte: Laut Polizei müsste ich sofort zur Polizeidienststelle in die 15min entfernte Stadt. Vorher wurde ich gefragt, wie es mit der Kommunikation aussieht und ob ich einen Dolmetscher mitbringen könnte. Ich erklärte, dass die Polizei nun über den Unfall Bescheid weiß und wir den Rest per Zettel und Stift klären können, da es unmöglich ist kurzfristig einen Dolmetscher zu finden. Gesagt und getan! Sie haben meine Personalien aufgenommen, dann habe ich mit 3 Polizisten, die extra mit dem eigenen Polizeibus, zum Unfallort gefahren sind, mich über den Unfall unterhalten. Fragt mich bitte nicht, warum 3 Polizisten!

 

Glückerweise stand das von mir am Kotflügel leicht beschädigten Fremdfahrzeug immer noch da. Dieser Unfall wurde kurz aufgenommen und einer von dreien hat sich bemüht, mich per Notizenbuch und Stift zu kommunizieren. Dann wurde ein „Unfall mit Fahrerflucht“ auf „nur ein Unfall“ abgewertet. Und ich musste die Schadensmeldung bei meiner Versicherung machen. Ehrlich gesagt: Alle 3 Polizisten waren wirklich nett zu mir, im Gegensatz zum Telefonieren mit der Polizei. Während dieses Telefonierens vermisse ich eine grundsätzliche Sensibilisierung und einen Umgang mit den Gehörlosen.

 

Bei einer Fahrerflucht müssen Alkohol oder Drogen im Spiel sein oder die Person hat keinen Führerschein oder? An diesem Tag trank ich nur Tee und ich besitze einen gültigen Führerschein.

 

Ich habe überlegt, was ich in Zukunft in ähnlichen Situationen machen soll. Ab jetzt werde ich gleich und direkt zur Polizeidienststelle gehen und der Polizei kurz und knapp sagen, dass ich einen Unfall gebaut habe und nach einen hochqualifizierten Gebärdensprachdolmetscher verlangen. Ich nehme keinen selbsternannten Dolmetscher (ohne Ausbildung) oder jemanden der gebärden kann für die Kommunikation an. (Warum das nicht? Seht ihr bitte ein paar Blogs untenstehend!).

 

Der hochqualifizierte Gebärdensprachdolmetscher ist keine 3. Person, bleibt objektiv und ermöglicht uns eine direkte und einwandfreie Kommunikation. Das ist unser Recht.

 

Noch was: Viele wissen nicht, dass der hör- oder sprachbehinderte Mensch nicht darauf verwiesen werden darf, sich schriftlich zu äußern. Seht ihr bitte den Link im Internet: https://www.haufe.de/sozialwesen/sgb-office-professional/gebaerdensprachdolmetscher-kostenuebernahme_idesk_PI434_HI1938675.html

 

Ich bin mal gespannt, was da kommen wird, weil die Bestellung dieses Dolmetschers sehr aufwändig ist. Es kostet ja eine Menge Geld und wer trägt diese Kosten.

 

Es wäre toll, wenn ein oder zwei Polizisten in jeder Stadt regelmäßig gebärden lernen könnten. Das wäre ja eine volle Inklusion!

 

Geschrieben von Peter


Kommentar/e: 1


#1

Name:  Freddi

Datum:  03. Juni 2019

Kommentar:  Das klingt nach einer schwierigen Geschichte, die eigentlich keine sein sollte.

Tatsächlich ist es auch dann Fahrerflucht, wenn kein Einfluss von Drogen, Alkohol usw. vorliegt. Wenn du dich unerlaubter Weise von dem Unfallort entfernst, den du verursacht hast, dann ist das Unfallflucht (oder Fahrerflucht).

Allerdings (!) dient das Gesetz eigentlich nur dazu, jemanden zu bestrafen, wenn er versucht zu verhindern, dass er als Schuldiger identifiziert wird. Du hast aber das Nummernschild notiert und dich freiwillig bei der Polizei gemeldet (und hattest sogar einen wichtigen Grund dafür - Die Kommunikationsbarriere vor Ort).

 

Ich sehe also nicht, wie du die Situation besser lösen solltest...

Du hast recht, wenn nur ein paar Polizisten gebärden könnten, wäre es viel leichter. Dann könntest du einfach direkt die Polizei zum Unfallort rufen, und die schicken einen Kollegen der gebärden kann. Fertig.

Achja und Zusatzkosten, die dir dadurch entstehen sind einfach nur eine Frechheit.

 

Liebe Grüße

Freddi


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18.02.2019

Symbolfoto
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Was ist denn passiert, wenn die Gebärdensprachdolmetscher ...

 

Ich muss hier offen schreiben, was ich beim Neujahrsempfang eines Landesverbandes mit meinen eigenen Augen gesehen habe. Da einige wichtige eingeladene Gäste eine Begrüßungsrede (natürlich in Lautsprache, da sie hörend sind und nicht gebärden können) halten wollten, standen zwei von diesem Verband bestellte Gebärdensprachdolmetscherinnen zur Verfügung. 

 

Wie qualifiziert beide sind, ist mir bekannt. Während jemand redete und die Rede gedolmetscht wurde, saß ich neben zwei Gehörlosen und fragte sie, ob sie die gebärdeten Inhalte verstanden hätten. Sie gaben zu, die Dolmetscherinnen schwer bis nicht ganz zu verstehen. 

 

Ich habe auch die gleiche Meinung wie die beiden und kann überhaupt nicht verstehen, warum der Verband diese Dolmetscher bestellt hat, obwohl es 2-3 staatlich geprüfte DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache im Saarland gibt. Und ich frage mich auch, warum diese bestellten Dolmetscher diesen Dolmetschauftrag angenommen haben, obwohl sie nicht in der Lage sind, professionell übersetzen zu können. Trotzdem gab es keine Beschwerden von Gehörlosen. Ich fand es sehr schade. Wirklich traurig! Das ist halt so!

 

Da dachte ich: Nein, es ist nicht einfach so! Ich muss mir noch überlegen, wie man dagegen vorgehen kann. Vielleicht habe ich eine Idee: ich werde mich ab jetzt bei den nicht qualifizierten oder selbsternannten Gebärdensprachdolmetschern während der Verdolmetschung melden und sagen, dass ich die gebärdeten Inhalte nicht ganz bzw. schwer verstehe und um eine Wiederholung dieser Inhalte bitten. 

 

Um die Unterstützung der gebärdensprachorientierten Gehörlosen würde ich mich sehr freuen. Die DolmetscherInnen wissen genau, was wir möchten. Lasst uns bitte nicht unterwürfig sein! 

 

Geschrieben von Peter


Kommentar/e: 1


#1

Name:  Sigrid Meiser-Helfrich

Datum:  03. März 2019

Kommentar:  Eigentlich kann man hier nicht viel dazu schreiben .... da kann ich nur den Kopf schütteln und denken: "mal wieder typisch" ... leider! Es erinnert mich an die Situationen, wenn man in einer Podiumsdiskussion ist oder zum Thema Menschen mit Behinderung zum Meinungsaustausch eingeladen ist - z. B. beim Saarländischen Rundfunk. Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass ich eine Frage gestellt habe, die von sogenannten DolmetscherInnen in Lautsprache übersetzt wurde. Die Antwort auf meine Frage war dann falsch - vollkommen an meiner Frage vorbei. Was man nur so verstehen kann, dass meine in Deutscher Gebärdensprache gestellte Frage von den DolmetscherInnen falsch aufgenommen und also falsch übersetzt wurde. Ich habe dann drauf aufmerksam gemacht, mit einigem Hin und Her kam dann die richtige Antwort. Klar, es kann immer mal Missverständnisse geben, aber wenn es öfters vorkommt, dann fragt man sich doch, welche Qualifikation diese DolmetscherInnen eigentlich haben. Wer ist hier eigentlich der König - sie ... oder wir die Kunden, also die Menschen mit Hörbehinderung und diejenigen, die die DolmetscherInnen angefordert haben? Wenn etwas nicht klappt, dann sollten wir das auch sagen. Nur so können wir unsere Situation verbessern. Und nur so können auch die KommunikationsassistentInnen und DolmetscherInnen dazulernen und ihre Qualifikation verbessern. Wir haben einen Rechtsanspruch darauf. Und: Hörende haben nicht immer recht, wir dürfen uns wehren, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Andererseits: es gibt auch gute qualifizierte DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache, die ihren Beruf ernst nehmen, die sollten wir loben und bevorzugt buchen, um an der Situation etwas zu verbessren.


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02.11.2018

Symbolfoto
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Umgang mit gehörlosen Menschen bei einem Treffen oder einer Party/Feier

 

Zunächst möchte ich eine Erzählung einer gehörlosen Bekannten namens Yvi, die in der Rolle der Mutter vor kurzem einen Kommentar in Facebook geschrieben hat, hier einfügen. Natürlich mit ihrem Einverständnis für die Veröffentlichung. Lest bitte den Text ganz unten! Yvi hat vollkommen recht, mit dem was sie geschrieben hat. Das ist leider so. Ich würde sagen, dass das Ganze nur aus Gewohnheit der hörenden Gesellschaft geschieht.

 

Nun möchte ich über meine eigenen Erfahrungen schreiben. Also, wir sind oft zu Feiern bei unserer hörenden Verwandtschaft eingeladen, obwohl ich ehrlich gesagt, diese Einladungen am liebsten niemals annehmen würde, weil es mir oft zu langweilig ist. Fast keiner ist bereit mit mir zu kommunizieren, nur weil ich selbst Schwierigkeiten mit dem Sprechen und auch mit dem Mundablesen habe. Andrea (meine Frau) hat etwas weniger Probleme damit, da sie nach dem Spracherwerb ertaubt ist. Ab und zu ist unser volljähriger Sohn bereit, die Unterhaltung für uns zu übersetzen. Aber auf Dauer macht er das nicht mit, da er kein Dolmetscher ist. Meiner Familie zuliebe komme ich zu diesen Feiern oft mit und bin nur für das „Essen" da. Das ist halt so!

 

Im letzten Jahr wollte ein junger, hörender Mann, der meinen Gebärdensprachkurs besucht hat, uns auf einmal zu seiner Geburtstagsparty bei sich zu Hause einladen. Andrea war an diesem Tag leider verhindert. Trotzdem hat er darauf bestanden, dass ich komme und hat versprochen, mich nicht im Stich zu lassen. Seine Cousine, die auch die Gebärdensprache bei mir gelernt hat, war auch dabei. Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass es mir dort zum ersten Mal in meinem Leben NICHT langweilig war. Er und seine Cousine haben sich bemüht, mich abwechselnd zu unterhalten und auch die Kommunikation mit den hörenden Gästen zu unterstützen. Wow, das war einmalig! Es hat nur funktioniert, weil beide gebärden können. Nochmals vielen Dank, junger Mann!

 

Inzwischen hat uns noch eine Frau, die sich jahrelang mit unserer Sprache beschäftigt hat, zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen und hat uns dasselbe wie der junge Mann versprochen. Ja, sie hat ihr Versprechen gehalten: Sie hat sich viel Zeit für uns genommen und sich mit uns unterhalten, außerdem hat sie noch jemanden, der gebärden kann, eingeladen. Wir haben uns gefühlt, als wären wir nicht nur gekommen, um zu Essen. Wir haben uns wirklich sehr darüber gefreut. Danke, danke! ;-)

 

Also, ich habe eine große Bitte an euch, wenn ihr mal Gehörlose einladen möchtet, vergesst sie bitte nicht! Es gibt nur 2 Möglichkeiten für eine bessere, beziehungsweise einwandfreie Kommunikation:

 

1) Gebärdensprachdolmetscher bestellen und die Kosten auf alle Anwesenden aufzuteilen. Es lohnt sich nur, wenn viele Personen eingeladen sind und mit der Kostenbeteiligung einverstanden sind, da die Kosten oft sehr hoch sind.

 

2) Einen Gebärdensprachkurs besuchen und sich immer mit unserer Sprache beschäftigen. Um diese Sprache zu beherrschen, braucht man einen langen Atem und unzählige Kursstunden…

 

Wenn eines von beiden nicht erfüllt ist, wäre es schön, wenn die eingeladene Person jemanden mitbringen dürfte, damit sie nicht allein und ihr nicht gelangweilt seid.

 

Noch eine kleine Bitte an gehörlose Eltern mit hörenden Kindern: Bitte lasst eure minderjährigen Kinder nicht „arbeiten"! Die „Dolmetscharbeit" ist wirklich sehr anstrengend, auch wenn die Kinder das gern und freiwillig machen. Glaubt mir bitte! Danke!

 

Geschrieben von Peter

 

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Yvi schrieb im Facebook: 

 

Ich würde vor kurzem von einem hörende Mutter gefragt ob ich mal vorbeikommen kann zum Kaffee trinken. Habe ich getan. Was ich nicht wusste, es waren noch andere 6 Muttis da. Alle mit Babys. Gut... eine Tasse Tee trinken schaffe ich locker. 5 Minuten mit mir zu unterhalten klappt gut. Danach „vergessen“ sie es und unterhält sich mit andere Müttern. Ich versuche mich mit den Lippenlesen zu konzentrieren. Nach 10 Minuten habe ich den Überblick verloren. Ich sitze nur dumm da und warte brav ab um nicht unhöflich zu sein. Nach fast 1 std stehe ich auf und sage dass ich jetzt gehen möchte. Alle:“oh jetzt schon? bleib noch ein bisschen“. Wozu? Ich verstehe eh nix. Ist nicht böse gemeint. 

Mir ist viel lieber wenn ich allein mit eine Person um mich habe. Da kann man viel besser kommunizieren und lange und man kann sich nicht von mir abwenden. In der Gruppe klappt das nicht. Da wird gerne schnell „vergessen“ und ich dann nichts mehr mit bekomme. Immer nachfragen über was geredet wird, mag ich nicht. 

Warum bist du so? Bist du gerne einsam? Warum redest du nicht mit uns? Warum sitzt du nicht bei uns? Das sind IMMER dieselbe Fragen. Jedesmal muss ich erklären, warum ich mich so verhalte. 

Ehrlich, ich würde gerne, egal wo, beim kaffeeklatsch, auf dem Spielplatz, beim Eiscafé, im Kindercafe etc. Hinsetzen, zuhören und mitreden. Das klappt aufgrund meine Gehörlosigkeit nicht. Nur sitzen und von 100% was gesagt wurde kriege ich nur 10% mit und stumm sitzen ist mir zu blöd. 

Ein paar Mal habe ich erklärt. Trotzdem verstehen sie nicht ganz was ich meine... puhhh...


Kommentar/e: 1


#1

Name:  Sigrid Meiser-Helfrich

Datum:  19. November 2018

Kommentar:  Ich bin spät ertaubt (nach dem Spracherwerb) und rede eigentlich "normal" - oft auch saarländischen Dialekt. Ich bin ganz einfach damit aufgewachsen. Nur: es geht nur in eine Richtung ... die Antworten auf meine Worte oder Sätze verstehe ich nur im persönlichen Gespräch gut sobald mehr als zwei Personen am Gespräch beteiligt sind, bin ich "weg vom Fenster", sogar innerhalb meiner eigenen Familie, obwohl ich meine Mutter und meine Schwestern als Einzelpersonen prima verstehe, im Gesprächskreis klappt es nicht. Deshalb: auch für mich sind Familienfeiern anstrengend, langweilig, unerfreulich. Früher im Elternhaus konnte ich aufstehen: lesen, stricken, das Kaffeegeschirr spülen - und die anderen haben gefeiert. Aber bei Einladungen: brav sitzen, lächeln, und hoffen dass es nicht zu lange dauert. "Wie gehts?" "Gut!" - das höchste der Gefühle bei Unterhaltungen in der Verwandtschaft. Ich frage: was hat die oder der gesagt?" "Moment, gleich!" oder "Oooch, das ist nicht wichtig, nur blabla ..." Ich weiß genau, die liebe Familie meint es gut und macht es nicht mit Absicht, die liebe Verwandtschaft ist hilflos oder gedankenlos, die hörenden Freunde lieben mich, aber sind überfordert. Traurig ... aber es fehlt ganz einfach das Verständnis für die Mentalität. Das gleiche früher unter Kollegen:  Bitte, du musst unbedingt mitkommen, wenn wir einen trinken gehen ... " und dann ... geh ich doch als erster ... ist nicht böse gemeint, wie Peter schreibt, aber Unterhaltung im Gesprächskreis mit Hörenden ist einfach nicht möglich ohne Gebärdensprache! Eine tolle Erfahrung haben wir mit unserer Theatergruppe inklusiv+exclusiv gemacht: Hörende und Gehörlose, Unterhaltung, Befehle, Regie ... und lachen ... alles in Gebärdensprache! Jeder hat verstanden, jeder konnte sich einbringen und jeder konnte "seinen Senf dazugeben!" Wunderbar! Wenn das in Familie, Verwandtschaft, unter Kollegen und anderen hörenden Freunden klappen würde - Inklusion ganz einfach! Warum klappts eigentlich nicht???


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27.09.2018

Gebärde "Barriere" - Foto: privat
Gebärde "Barriere" - Foto: privat

Wirksame Alltagsverbesserungen...aha, wie bitte?

 

Am 22. August 2018 wurde ein Bericht aus der Saarbrücker Zeitung (Lokales Dudweiler) veröffentlicht, in dem unsere Ministerin Frau Bachmann betonte, dass es seit 2003 wichtige Alltagsverbesserungen für Hörbehinderte gibt.

Dieser Bericht ist im Internet unter https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saarbruecken/dudweiler/ein-leben-im-einsatz-fuer-gehoerlose_aid-30132801 zu lesen. Ich persönlich frage mich, wie es eigentlich sein kann, dass diese Frau das behaupten konnte. Was hat sie mit diesen Verbesserungen gemeint? Eigentlich müssten wir in unserem Alltag Verbesserungen spüren können.

 

Laut der aktuellen Dolmetscherliste (Stand: August 2018) von der Dolmetscherzentrale in Saarbrücken steht nur eine staatlich geprüfte Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache im Saarland zur Verfügung, womit das Verhältnis ungefähr eins zu (von mir geschätzt) 500 gehörlosen Menschen, die gebärden, ist. Im Vergleich zu anderen Bundesländern bilden wir damit das Schlusslicht.

 

Außerdem gibt es seit langem einige praktizierende DolmetscherInnen, die sich noch in Ausbildung befinden. Dies ist, als würde ein Arzt, der mit seiner Ausbildung noch nicht fertig ist, seinen Beruf bereits in einer Arztpraxis ausüben, oder? So geht es nicht. Es gab leider ein paar Beschwerden, die oft nicht ernst genommen werden.

 

Und der Integrationsfachdienst für hörbehinderten Menschen überlässt uns kaum die Auswahl der DolmetscherInnen für Schulungen, Betriebsversammlungen, innerbetriebliche Gespräche usw. Es wurde mir geschrieben, dass sich ein/e bestellte/r DolmetscherIn aus Kostengründen nicht weit entfernt vom Auftragsort befinden soll. Von mir aus ist das ok, aber was ist mit der inhaltlichen Qualität der Übersetzungsleistung, die für diesen Fachdienst überhaupt nicht von Interesse ist? Im Laufe der Zeit gab es eine Handvoll Beschwerden. Ich vermisse die allgemeine Anlaufstelle, die alle Beschwerden bearbeitet bzw. an die zuständigen Stellen weiterleitet.

 

Auch bei Behördengängen und Arztbesuchen gab es oft Schwierigkeiten, da man kurzfristig fast kein/e DolmetscherIn bekommt, weil sie längst besetzt bzw. vergeben sind. Man müsste sogar Wochen und Monate im Voraus einplanen, wann und wo man eine/n DolmetscherIn bekommen kann. Was wäre, wenn man plötzlich krank wird und zum Arzt gehen muss? Ein/e DolmetscherIn kurzfristig bestellen? Dazu besteht kaum bis gar keine Chance, dann hat man einfach nur Pech!

 

Im beruflichen Bereich gab es für gehörlose Menschen oft Probleme. Ein Beispiel für einen solchen Problemfall ist, dass ein Antrag von einem Gehörlosen auf Dolmetschleistungen durch ein persönliches Budget vom Landesamt immer aus irgendeinem Grund abgelehnt wurde. Man sagte ihm zum Beispiel, dass er und seine Kollegen miteinander per E-Mail kommunizieren könnten. Das ist aber keine persönliche Direktkommunikation! Ich vermisse die Unterstützung von diesem Amt durch fachgerechte Beratungen usw.

 

Wie sieht es mit der sozialen und privaten Teilhabe bei uns aus? Kultur-, Freizeit- und einige andere Veranstaltungen sind häufig nicht sprachlich barrierefrei. Wenn wir unbedingt hingehen wollen, dann müssen wir die DolmetscherInnen selbst organisieren und die Kosten weiterhin selbst tragen, ebenso, wenn wir neben diesen Veranstaltungen auch Vorträge, Kurse, Seminare, Beratungen, Geschäftsbesuchen, Konzerte, usw., die privat und auch öffentlich sind, besuchen wollen. Es ist sehr, sehr selten, dass ein/e DolmetscherIn vom Veranstalter bzw. Organisator, der die Kosten auch übernimmt, zur Verfügung steht. Für uns entsteht ein enormer organisatorischer und auch finanzieller Aufwand. Daher müssen wir oft auf Freizeitaktivitäten dieser Art verzichten und vermeintlich dumm zuhause sitzen.

 

Für gehörlose Eltern eines hörenden Schulkinds/hörender -kinder ist es überhaupt nicht einfach. Nur noch einige wenige Schule im Saarland ist bereit, die Dolmetscherkosten für das Elterngespräch mit den Lehrern, den Elternabend usw. zu übernehmen.

 

Wo bleibt unser barrierefreier Zugang? Viele wissen nicht, was dieser Zugang für uns bedeutet. Es gibt wirklich noch mehr zu schreiben über Bereiche, die mit Barrierefreiheit zu tun haben. Bei diesem Begriff denken die Nichtbetroffene meist an Rollstuhlfahrer und blinde Menschen.

 

In letzter Zeit ist das Wort „Inklusion“ in aller Munde. Aber viele wissen nicht, welche Voraussetzung für Inklusion erfüllt sein müssen. Eine wichtige Voraussetzung sind Dolmetscher für deutsche Gebärdensprache oder hörende Menschen, die „fließend“ gebärden können.

 

Wie bereits gesagt, Dolmetscher bewilligt zu bekommen ist oft ein Kampf – trotz Rechtsanspruch durch die UN-Behindertenrechtskonvention. Außerdem braucht man einen langen Atem und ein dickes Fell.

 

Noch etwas: Seit kurzem gibt es im ganzen Saarland sechs Beratungsangebote der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB, www.teilhabeberatung.de), jedoch ist es zurzeit nicht möglich, eine Beratung in Deutscher Gebärdensprache (DGS) anzubieten. Hallo, Hallo...? Vergesst uns verdammt mal nicht, wir sind auch da und haben ein Recht darauf, daran teilzunehmen! Andere Bundesländer sind uns in diesem Punkt einen Schritt voraus, dort wurden sogar einige gehörlose FachberaterInnen extra eingestellt.

 

Ehrlich gesagt: Ich vermisse die Unterstützung der saarländischen Regierung sehr und auch eine gezielte Lobbyarbeit des Landesverbandes der Gehörlosen. Naja, der Vorstand dieses Verbandes arbeitet nur noch ehrenamtlich und kann nicht alles stemmen, da er keine Unterstützungen von außen bekommt (wenn ich mich nicht irre).

 

Das einzig Positive ist, dass die saarländische 19:20-Uhr-Nachrichtensendung „Aktueller Bericht“ ENDLICH immer untertitelt wird. Unser sehr lang ersehnter Wunsch wurde verwirklicht. Das war für uns ein wichtiger Meilenstein, ansonsten nichts.

 

Trotzdem bin ich noch am Überlegen, ob ich versuchen soll, mich weiter mit diesem Bericht auseinander zu setzen und eine freiwillige und anonyme Online-Umfrage für gehörlose Menschen im Saarland zu erstellen. Dann können wir sehen, wie gut wir Gehörlosen wirklich an der „hörenden“ Gesellschaft im Saarland teilnehmen können.

 

Schaut bitte NICHT weg! Wir wollen nicht ständig daran erinnert werden, dass wir oft mit den üblichen und unsichtbaren Alltagsbarrieren im täglichen Leben zu kämpfen haben. 

 

Liebe gehörlosen LeserInnen, was habt ihr dabei gedacht? Auf eure Kommentare würde ich mich freuen! Die restlichen LeserInnen sind auch herzlich willkommen!

 

Geschrieben von Peter


Kommentar/e: 4


#4

Name:  Sigrid Meiser-Helfrich

Datum:  03. März 2019

Kommentar:  zum Thema "Alltagsverbesserungen" noch eine ganz kurze Notiz:

am 23. Februar 2019 war ein Vortrag zum Thema "Soziale Isolation gehörloser Senioren" mit einem gehörlosen Referenten aus Bayern im Bildungs- und Freizeitzentrum für Gehörlose im Saarland in Saarbrücken-Jägersfreude.

Sehr interessanter Vortrag mit vielen Beispielen, was außerhalb vom Saarland möglich ist ... am meisten überrascht hat den Referenten dann aber die Tatsache, dass es im Saarland keine einige Beratungsstelle oder soziale Anlaufstelle speziell für Menschen mit Hörbehinderung gibt. Damit haben wir mal wieder ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland, sogar die "armen" neuen Bundesländer sind hier viel besser versorgt. Noch Fragen ...?

Saarland Inklusiv ... so ein schöner Slogan, aber was ist er wert?


#3

Name:  Peter Schaar

Datum:  18. Februar 2019

Kommentar:  Ich möchte auch meinen Senf dazu geben. Beim Neujahrsempfang des Landesverbandes der Gehörlosen Saarland e.V. habe ich Frau Hepperle, die für den saarländischen Rundfunk arbeitet und für den Einsatz der beiden Gebärdensprachdolmetscherinnen am Weihnachtskonzert (siehe ein Kommentar  #2 von Sigrid Meiser-Helfrich untenstehend!) verantwortlich ist, getroffen und ihr mithilfe einer Gebärdensprachdolmetscherin freundlich gesagt, dass ich es nicht ok fand, dass sie einen Ersatz für den Ausfall beider „MusikdolmetscherInnen“ nicht gesorgt hat. 

 

Sie versprach aber, dass beide Dolmetscherinnen beim nächsten Konzert wieder dabei sein werden, nur weil beide diesmal einfach einmal Pause brauchen. Natürlich hatte ich volles Verständnis dafür, dass beide sich ein bisschen zurücklehnen und warten, bis sie von sich aus wieder Musik übersetzen möchten. Kein Problem, aber....

 

...ich wollte aber nicht, dass wir von beiden abhängig sind und von diesem Konzert ausgeschlossen werden müssen. Unsere Teilnahme an Veranstaltungen ist ein wichtiger Faktor auf dem Weg zur Inklusion und bedeutet für uns Unabhängigkeit. 

 

Trotzdem nahm Frau Hepperle mich nicht ernst und sagte, dass beide Dolmetscherinnen eine „Kunst“ seien. Sie meinte, dass beide als einzige die Musik toll übersetzen können, und tat so, als ob ich keine Ahnung von dieser „Kunst“ hätte. Eigentlich kenne ich die Gehörlosenkultur besser, oder? Und ich habe nur kurz darauf angemerkt, dass wir einige Dolmis, die Musik gut übersetzen könnten, kennen und bei der Suche mithelfen könnten. Es hängt natürlich auch von den Kosten ab usw. Sie wollte aber die beiden behalten. Leider wurde das Gespräch mit ihr abgebrochen, da die Gebärdensprachdolmetscherin vom Vorstand des Landesverbandes für ein anderes wichtiges Gespräch unbedingt gebraucht wurde. 

 

Ok, hier also eine kurze Zusammenfassung:

Seit Jahren wird dieses Konzert veranstaltet und es wird immer mit Gebärdensprache angeboten, und die Deafies sind gekommen und konnten die Musik dank „Musikdolmetscherinnen“ begeistert folgen. Deswegen hätten wir aus diesem primitiven Grund nicht auf einmal ausgeschlossen werden sollen. 

 

Was würdet ihr tun, wenn ihr unbedingt zu diesem Konzert geht und eure Kinder, Eltern oder engen Bekannten, die gehörlos sind und auch hingehen wollen, nicht mitkommen könnten, weil sich diese Dolmis ein bisschen zurücklehnen wollen und der Verantwortliche sich um einen Ersatz nicht bemüht hat? Würdet ihr damit sagen, dass ihr dahin geht und wir (dumm) zu Hause herumsitzen sollen, oder? 

 

Klartext: Eine Inklusion bedeutet, dass auch die Gehörlosen die Möglichkeit haben sollen, alle Veranstaltungen mit Gebärdensprache zu besuchen, ohne in die Abhängigkeit von Anderen zu geraten. Es muss leider festgestellt werden, dass die Inklusion, die nichts oder wenig kostet, nicht zu machen ist. Einfach Pech für den „unschuldigen“ gehörlosen Menschen, die nichts dafür können!

 

Der Artikel 3 sagt: Alle Menschen sind vor dem Grundgesetz gleich. Das bedeutet: Alle Menschen haben die gleichen Rechte. Die Menschen mit Behinderung dürfen nicht benachteiligt werden. Trotzdem werden wir in sehr vielen Fällen von euch behindert.

Hallo, wir beißen euch nicht und wollen nur teilhaben, nicht mehr und nicht weniger!

 

An Frau Hepperle erinnerte ich mich noch was: Vor ein paar Jahren gab es eine Sitzung beim saarländischen Rundfunk. Sie gab eine freundliche Nachricht für Hörgeschädigte bekannt, dass die Nachrichtensendung am Samstagvormittag erstmal mit Untertitel gesendet wird. Von unserer Seite aus waren wir mit dieser Bekanntgabe nicht einverstanden, weil die „normalen“ Fernsehzuschauer jeden Tag um 19.20 Uhr einen aktuellen Bericht im SR-Fernsehen folgen. Wir Deppen schauen nur am Samstagvormittag eine Zusammenfassung, weil es dort mit Untertitel vorgesehen ist, und blicken bei den aktuellen SR-Nachrichten (ohne Untertitel) unter der Woche ins Leere. 

 

Das war echt sehr diskriminierend, weil wir ein großes Informationsdefizit darüber hatten. Frau Hepperle nahm uns nicht ernst und es blieb bei dieser Entscheidung. Jedoch kam ca. 5 Monate später diese 19:20-Uhr-Sendung mit Untertitel endlich im Angebot. Wie es dazu kam, wissen wir bis jetzt nicht. Höchst wahrscheinlich kam der Befehl dazu von ganz oben.

 

Es wäre gut, wenn Frau Hepperle ihre Ohren zwei Wochen lang schließen würde und in unserer Welt lebt. Ich wette, dass sie nicht überleben würde.


#2

Name:  Sigrid Meiser-Helfrich

Datum:  20. November 2018

Kommentar:  noch eine Anmerkung zum Thema "wirksame Verbesserung bzw. Situation DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache im Saarland":

Seit ca. 3 Jahren kann eine begrenzte Zahl von Gehörlosen am Weihnachtskonzert des Saarländischen Rundfunks teilnehmen, weil das Konzert von DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache begleitet wurde. Eine tolle Initiative des Saarländischeen Rundfunks! Nur: in diesem Jahr 2018 machen die beiden DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache, die das Weihnachtskonzert begleitet haben, Pause. Heißt: Weihnachtskonzert ohne Gebärdensprache, eine schöne kulturelle Veranstaltung fällt für uns Menschen mit Hörbehinderung einfach aus, obwohl sie stattfindet, einfach wegen dem Kommunikationsproblem. Konnten keine anderen DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache angefragt und eingesetzt werden??? Wenn ein Musiker ausfällt, wird auch für Ersatz gesorgt, oder?

Sorry, aber sowas ist typisch ... im Saarland inklusiv


#1

Name:  Sigrid Meiser-Helfrich

Datum:  19. November 2018

Kommentar:  Den Bericht in der Saarbrücker Zeitung - Ausgabe Dudweiler vom 22. August 2018 - habe ich auch gelesen.

Dass es seit 2003 wirksame Verbesserungen für Gehörlose im Saarland gibt, kann ich so nicht nachvollziehen. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, ist die Versorgung mit DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache im Saarland nach wie vor prekär. Auf der Liste der LAG - Landesarbeitsgemeinschaft Gebärdensprachdolmetscher - gibt es bisher nur eine Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache, die ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Andere GebärdensprachdolmetscherInnen sind noch in der Ausbildung oder arbeiten ohne Ausbildung, sie sind streng genommen gar keine DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache, sondern Kommunikationsassistentinnen. Überdies sind fast alle von ihnen noch hauptberuflich in einem anderen Beruf tätig, stehen also nicht regelmäßig zur Verfügung. Es ist schwierig,  für die verschiedenen Einsätze eine Gebärdensprachdolmetscherin zu bekommen, oft müssen Termine abgesagt werden weil keine DolmetscherIn zur Verfügung steht.  Darüber hinaus haben wir im Saarland die sehr prekäre Situation zum Dolmetscheinsatz für gehörlose Eltern beim Elternabend in der Schule ihrer hörenden Kinder. An weiterführenden Schulen im Saarland wird der Einsatz bzw. die Kostenübernahme dafür nahezu komplett abgelehnt mit der Begründung, Elternabende an weiterführenden Schulen wären keine Pflicht und deshalb besteht von Seiten der Schulträger keine Verpflichtung zur Kostenübernahme. Dies ist milde gesagt eine Sauerei, denn die Eltern wollen den Erziehungsauftrag für ihre Kinder ernst nehmen und die bestmögliche Versorgung und Förderung für ihre Kinder und dazu gehört, dass sie von den Schulen gleichberechtigt alle Informationen bekommen, die dazu nötig sind.

Verbesserungen ... da gibts noch das Problem Gebärdensprachdolmetscherinnen bei Gericht. Bei einer Gerichtsverhandlung wurde eine Dame als Dolmetscherin eingesetzt, die über keinerlei Erfahrung oder Ausbildung verfügte, ihre Qualifikation war, dass ihre Eltern gehörlos sind. Wir haben dann versucht, diese Situation zu verbessern, unsere Schreiben und Bitten zur Diskussion wurden vom Gericht abgeschmettert. Ach ...

Das Saarland rühmt sich mit dem Slogan "Saarland inklusiv", wir Menschen mit Hörbehinderung können davon nur träumen.

Dolmetscher bei der Verbraucherzentrale? Kostenfrage!!! Unabhängige Teilhabeberatung? Gibts nicht mit Gebärdensprache! Notrufsystem? Im Saarland funktioniert das für Menschen mit Hörbehinderung oder Sprachbehinderung immer noch nicht auf die Notrufnummern 110 und 112. Ärztlicher Bereitschaftsdienst? Da gibts nur eine Telefonnummer ... Kulturelle Teilhabe? Beispiele gibt es so viele!

Das Saarland ist Schlusslicht in Sachen Menschen mit Hörbehinderung ... bei DolmetscherInnen, bei der Beratungssitutation, bei der Lobby ... Seit 2003 hat sich nicht wirklich was verbessert!

Ach ... noch etwas: zusätzlich zu meiner Gehörlosigkeit sitze ich im Rollstuhl, mit dem Rolli unterwegs ... da fragen die Leute öfters: "Kann ich Ihnen helfen?" Bei der Kommunikation: Äh ...  so ist es ... noch Fragen???

Als Vorsitzende eines Vereins werde ich nahezu täglich mit Problemen von Menschen mit Hörbehinderung konfrontiert, die um Unterstützung bitten. Ich habe nicht die entsprechende Ausbildung dafür, aber die gehörlosen Menschen hier im Saarland wissen nicht, wen sie sonst fragen können, wenn sie Hilfe benötigen. Ich versuche dann zu unterstützen, obwohl es eigentlich nicht meine Aufgabe ist. Und ich glaube, in den anderen Gehörlosenvereinen hier im Saarland läuft es genauso. Deshalb: wirksame Verbesserung? Da müsste mehr getan werden. Und das ist nicht so einfach, denn Menschen mit Hörbehinderung für Menschen mit Hörbehinderung - das läuft alles ehrenamtlich und kann deshalb nie professionell sein so lange sich im Saarland bei Regierung und Sozialdiensten nicht wirklich was ändert.


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02.11.2017

Einen interessanten Artikel hierzu können wir, dank der freundlichen Genehmigung der Deutschen Gehörlosenzeitung, hier veröffentlichen.

Was darin geschrieben wurde, das können auch wir bestätigen.

Download
dgz_201710_Einbahnstrasse.pdf
Adobe Acrobat Dokument 836.0 KB

Wenn Eltern im Saarland unsicher sind und keine schnelle Entscheidung treffen möchten, würde es sicher nicht schaden, eine Meinung aus "gehörloser" Sicht einzuholen.

 

Diese Informationen sind in solchen Fällen sehr wichtig. Andrea und ich als Nicht-CI-Träger können ein paar Beispiele aus unseren eigenen Erfahrungen schildern, auch wenn wir keine Ärzte, Sozialpädagogen, CI-Befürworter oder CI-Gegner usw. sind. Das Gespräch soll natürlich unparteiisch, sachlich und unabhängig geführt werden.

 

Geschrieben von Peter

 

Gesprächstermin vereinbaren oder Fragen/Anregungen zu diesem Thema?


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25.09.2017

Gebärdensprachdolmetscher zum Mitnehmen zur kostenlosen Beratung

 

Vor ein paar Tagen veranstaltete ein Gehörlosenverein im Clubheim einen interessanten Vortrag zum Thema „Patientenverfügung“. Da der Referent von der Verbraucherzentrale hörend war, standen zwei Dolmetscherinnen für Deutsche Gebärdensprache für uns zur Verfügung. Dank der Bemühungen der Vorsitzenden des Gehörlosenvereins wurden die Dolmetscherkosten von einer Krankenkasse übernommen.

 

Während des Vortrags wurde der Referent gefragt: „Wie sieht es aus, wenn wir Gehörlosen uns beraten lassen möchten, denn der/die Berater/in bei der Verbraucherzentrale kann sicher nicht gebärden?“ Der Vortragende sah kein Problem und beantwortete kurz und schnell, dass jeder einen Gebärdensprachdolmetscher mitbringen darf, außerdem ist die Beratung dort kostenlos.

 

Das ist ein toller Service für uns, dachten die Anwesenden zunächst. Leider haben einige vergessen, dass der Einsatz des Dolmetschers für Deutsche Gebärdensprache bei dieser Beratung nicht kostenlos ist, denn die Dolmetscher verdienen mit ihrer Dienstleistung ihr Brot. Auf die Frage, ob von der Verbraucherzentrale die Kosten übernommen werden können, gab er die Antwort: „Nein, unsere Verbraucherzentrale ist ein „kleiner“ Verein, der kaum Geld vom Ministerium oder ähnliches bekommt, außerdem arbeiten die Leute dort ehrenamtlich.“ Ok, und großen Respekt dafür!

 

Aber was ist mit uns? Müssen wir diese nicht ganz geringen Kosten selbst tragen, nur weil wir taub sind? Die Hörenden können sich dort kostenlos beraten lassen und zahlen keinen Cent! Gegenüber der hörenden Welt fühlen wir uns echt benachteiligt, ehrlich gesagt, schon immer. Das ist nicht fair!

 

Inzwischen gab es den Vorschlag, dass der Landesverband der Gehörlosen Saarland e.V. mit der Verbraucherzentrale zusammenarbeiten soll. Und die beiden sollen zusammen versuchen, Geldsponsoren von außerhalb für die Abdeckung der Dolmetscherkosten zu holen. Wirklich eine gute Idee, aber der Gehörlosenverein, der diesen Vortrag organisiert hat, ist vor Jahren aus diesem Verband ausgetreten, weil er von ihm anderes erwartet hat und die Arbeit nicht seinen Vorstellungen entspricht. Eigentlich ist die Lobbyarbeit für ihn ziemlich wichtig, um die grundlegenden Bedürfnisse der Gehörlosen im Saarland zu erfüllen.

 

Nun will die Vorsitzende des veranstaltenden Vereins versuchen, mit der Verbraucherzentrale einen anderen Weg zu suchen. Bestimmt wird es eine Weile dauern und ob es klappen wird, ist die große Frage. Trotzdem wünsche ich ihr viel Erfolg.

 

Noch was: Es gibt wirklich viele interessante Freizeit-, Bildungs- und Kulturangebote von verschiedenen öffentlichen Einrichtungen, z.B. VHS. Wir Tauben können diese Angebote aber kaum wahrnehmen, nur weil meistens – aus Kostengründen – kein Dolmetscher für Deutsche Gebärdensprache zur Verfügung steht.

 

Ich finde es sehr traurig, dass wir hier im Saarland noch nicht ganz barrierefrei leben, trotz der UN-Behindertenrechtskonvention für gleiche Rechte. Vor ein paar Monaten hat der Deutsche Bundestag das „echt komplizierte“ Teilhabegesetz beschlossen, das uns wohl kaum weit bringt. Wir haben immer noch keinen richtigen Anspruch auf einen Gebärdensprachdolmetscher in sozialen, öffentlichen und privaten Bereichen.

 

Laut diesem Gesetz können wir diesen Rechtsanspruch erst bekommen, wenn wir einen Antrag auf Kostenübernahme stellen und bestimmte Kriterien, z.B. dass das Einkommen eine gewisse Grenze nicht überschreiten darf, erfüllen müssen. Wer ist bereit, den ganzen Papierkram auszufüllen? Niemand! Wer kann Unterstützung beim Ausfüllen des Antrags anbieten? Bisher niemand! Echt, echt traurig!

 

Wir sind nicht behindert, sondern wir werden behindert!!! Und die "hörende" Gesellschaft, besonders die Regierung, schaut einfach weg! Und wir Deppen nehmen alles in Kauf, wenn wir an der Gesellschaft teilhaben möchten.

 

Geschrieben von Peter

 

 


Kommentar/e: 1


#1

Name:   Sigrid

Datum:  26.09.2017

Kommentar:  Danke Peter für diesen Bericht - es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit davon erfährt.

Zuerst möchte ich klarstellen, dass die Dolmetscherkosten für den Vortrag nicht in voller Höhe von der Krankenkasse übernommen wurden, ein Teil davon wurden über Eintrittsgelder von Nichtmitgliedern und Eigentmittel des Vereins finanziert.

 

Aber es ist wirklich frustrierend, dass trotz jahrelanger Bemühungen um mehr Verständnis der Öffentlichkeit und Hinweise auf unsere Bedürfnisse bzw. einfach unser Recht auf Gleichbehandlung noch immer überall Barrieren sind. Wir Menschen mit Hörbehinderung sind auf DolmetscherInnen für Deutsche Gebärdensprache angewiesen. Ich weiß nicht, ob sich mal jemand überlegt oder durchgerechnet hat, wie z. B. ein gehörloser Arbeiter mit 8,50 €/Stunde Mindestlohn eine Gebärdensprachdolmetscherin, die 75,00 €/Stunde Honorar verlangt, finanzieren soll.

 

Außerdem: täglich liest man in der Zeitung Angebote über Vorträge, Gesundheitsvorträge, Vorträge der Verbraucherzentrale ... alles kostenlos für jeden der sich interessiert. Nur wir: unsere Kommunikationsbarrieren, die unbezahlbar sind, versperren uns den Weg zu wichtigen Infos, die im möglichen Fall lebensrettend sein können.


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20.09.2017

Vorfall bei einer Pressekonferenz in Florida, die vor dem Hurrikan „Irma“ abgehalten wurde

 

Ich habe über diesen Vorfall im Internet gelesen. Es handelt sich um einen hörenden Mann, der angeblich gebärden kann, vom Beruf Rettungsschwimmer ist und notgedrungen einsprang, nachdem kurzfristig kein professioneller Gebärdensprachdolmetscher organisiert werden konnte. Leider war er der amerikanischen Gebärdensprache (ASL) offensichtlich gar nicht mächtig und gab den Gehörlosen keine wichtige Informationen zum Verhalten während dieses Hurrikans, sondern gebärdete nur ein paar Wörter wie „Bären“, „Pizza“ und „Monster“, die nicht im Zusammenhang mit den wichtigen Informationen zum Hurrikan stehen. Das war voll daneben!

 

Von Gehörlosen gab es sehr massive Kritik. Zu Recht! Man wusste schon vorab, dass der Hurrikan in wenigen Tagen auf den Staat Florida zukommt, und man müsste in so einem Fall den Einsatz eines professionellen Gebärdensprachdolmetschers für die Pressekonferenz besser organisieren.

 

Ich habe immer betont, dass es ein großer Irrtum ist, zu glauben, dass „wer gebärden kann, automatisch übersetzen kann“.

 

Jemand hat folgenden Kommentar bezüglich dieses Vorfalls im Internet geschrieben:

„Helfen wollen hilft nichts, wenn man nicht helfen kann. Wenn ich gefragt werde, ob ich operieren könnte, weil der Arzt nicht da ist, sage ich auch NEIN - statt zu hoffen, dass das mit der Erste-Hilfe-Ausbildung schon klappen wird."

 

Zu der Frage, was GebärdensprachdolmetscherInnen an Voraussetzungen mitbringen müssen, damit sie ihre Arbeit ausüben dürfen. Meine Antwort ist ganz einfach: Dafür wird ein Nachweis einer staatlichen Prüfung oder eines Hochschulabschlusses vorausgesetzt.

 

Das heißt: Die Gebärdensprachdolmetscher wurden für die nötigen Voraussetzungen für die Verdolmetschung speziell ausgebildet und haben eine staatliche Prüfung erfolgreich bestanden oder an einer Hochschule Gebärdensprachdolmetschen studiert und dort erfolgreich ihre Prüfung abgelegt.

 

Ich habe gesehen und auch aus der Gehörlosen-Community mitbekommen, dass einige Dolmetscher im Saarland ihre Arbeit trotz fehlenden formellen Qualifikationsnachweises ausüben. Aber laut der Webseite www.dolmetscherzentrale-saarland.de sind solche Dolmetscher in die Liste der Dolmetscher aufgenommen. Es sind Personen ohne staatliche Prüfung, vom Beirat jedoch als ausreichend gebärdensprachkompetent erachtet. Aber für die inhaltliche Qualität der Dolmetschleistung übernimmt diese Zentrale (Träger ist die Saarland Heilstätten GmbH) jedoch keinerlei Haftung. Wie bitte?

 

Ich frage mich, unter welchen Voraussetzungen der Beirat diese Dolmetscher ausgewählt hat und wie die Definition von Gebärdensprachkompetenz, Übertragungssicherheit, -qualität usw. aussieht? Wer trägt die Verantwortung, wenn etwas schief gelaufen ist? Keiner, ganz sicher!!! Was für eine Schande!

 

Wie bereits im Saarland bekannt, werden wegen des großen Dolmetschermangels noch Dolmetscher ohne entsprechende Qualifikation eingesetzt. Bisher haben sich kaum Gehörlose über die inhaltliche Qualität der Dolmetschleistung beschwert. Das ist eben das Problem, dass sie nicht hören können und nicht wissen, ob die Inhalte vollständig übertragen wurden. Natürlich gibt es einige, die mit diesen Dolmetschern zufrieden sind. Ob es wirklich stimmt, ist eine Frage, die keiner beantworten kann oder will.

 

Im Qualitätsvergleich der Bundesländer sind wir das Schlusslicht. Das weiß jeder! Eigentlich müssten wir am Überlegen sein, was wir für die nötige Verbesserung machen müssen, und wie. Aber keiner fühlt sich dafür zuständig. Warum? Ja, lange Geschichte! :-(

 

Geschrieben von Peter


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11.09.2017

Bildquelle: Liesa
Bildquelle: Liesa

Einmal im Monat treffen wir uns beim DGS-Stammtisch in Saarbrücken. Es wurde ein paar Mal darüber geschrieben, z.B. wie die Treffen organisiert werden und ob die Kommunikation zwischen gehörlosen und hörenden Menschen gut funktioniert. 

 

Schon mal ein großes Dankeschön an alle, die uns ihre Erfahrungsberichte und Eindrücke geschrieben haben.

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Am nächsten Sonntag ist es schon wieder soweit. Dann treffen wir uns zum Saarbrücker DGS-Stammtisch. Es ist jedes Mal interessant, wenn wir uns dort mit Gehörlosen und auch Hörenden treffen und über alles Mögliche sprechen, also gebärden. Es sind auch immer einige Hörende da, und am Anfang dachten wir, wie wohl viele andere Hörende auch: „Oje, ich verstehe bestimmt überhaupt nichts“ oder „Die gebärden bestimmt so schnell, da stören wir Hörenden nur“ und so weiter. Aber am Ende hat sich gezeigt: Alles kein Problem! Im Gegenteil, viele der Gehörlosen freuen sich darüber, dass auch immer Hörende da sind, die sich für sie und ihre Sprache interessieren. Und wenn es dann doch mal hakt beim Gebärden oder beim Verstehen, helfen sie auch gerne geduldig weiter. Wie Frederik schon schreibt, ist für uns eher das größere Problem, Frühstück und Gebärden zu koordinieren. Da kann der Kaffee schon mal kalt werden… Uns hat es jedenfalls von Anfang an Spaß gemacht, und der 3. Sonntag im Monat ist mittlerweile fest für den DGS-Stammtisch in Saarbrücken eingeplant.
Claudia und Heiko

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Für mich ist es wichtig Freunde (gehörlose u hörende) wiedersehen, gemeinsam frühstücken und unterhalten. Erfahrung austauschen. Wir (gehörlose) bringen Hörende DGS bei.
Es wäre besser einen runde Tisch, dass man besser Gesicht bzw. Gebärden sehen.
Ob Manin oder Celona oder sonst irgendwo ist mir egal. Geld ist für mich net so wichtig. Wichtigste Freunde sehen, gebärden beibringen, Erfahrung austauschen etc.
Anne

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Schon 4 Jahren um?

 

Ich merkte nichts, für mich am schönsten ist Austausch mit Deutsche Gebärdensprache und Dialekte.

 

Meine Erfahrung ist DGS-Stammtisch wie Treffen mit Leute, die lange nicht gesehen haben, viel unterhalten und wenige DGS ausgetauscht.

 

Was ich vermisse, Moderator bzw. Leitung führt Austausch und Diskussion über DGS.

 

Meine Wahrnehmung ist Stammtisch für bestimmten Personengruppen einen sozialen Treffpunkt, aber nicht so im Fall, jeder ist herzlich willkommen, auch Dolmetscher für Deutsche Gebärdensprache und Dozenten für DGS.

 

Einmal in Saarbrücken und immer in Saarbrücken, es musste nicht sein, Vorschläge und Idee willkommen; Saarlouis oder Merzig oder Bostalsee oder Homburg/Saar.

Sonntagvormittag oder Samstagabend oder Feierabend-DGS-Treff ;-)

x

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Der DGS-Stammtisch – Ein Erfahrungsbericht von einem Anfänger

 

Ich nehme nun seit nicht ganz einem Jahr einigermaßen regelmäßig am DGS-Stammtisch in Saarbrücken teil. Das erste Mal war ich dort, weil meine Cousine mich fragte ob ich sie begleiten möchte. Sie absolvierte zu der Zeit gerade ihren 3. DGS-Kurs, ich noch den Anfängerkurs. Ich will nicht lügen, natürlich war ich zu Beginn etwas überwältigt. Es wurde viel gebärdet, es wurde schnell gebärdet und es wurde teilweise anders gebärdet als ich es

gelernt hatte. Dennoch habe ich es unheimlich genossen. Und das lag maßgeblich an den Teilnehmern, die mich mit offenen Armen und freundlichen Gesichtern empfangen haben.

 

Jeder der Teilnehmer hat einen anderen Hintergrund, eine andere Geschichte zu erzählen, egal ob gehörlos, hörend, schwerhörig, jung oder alt. Bei jedem Treffen lernte ich jemand neuen kennen und erfuhr etwas über dessen Leben, während ich gleichzeitig neue Gebärden lernte und nebenbei lecker frühstückte (Das ist nochmal eine ganz neue Herausforderung – Gebärden und Essen zugleich!) Durch die Organisation des Stammtisches fällt es leicht auch Anfänger in eine Gruppe mit den Fortgeschrittenen und Muttersprachlern zu integrieren. Es findet sich immer ein passender Gesprächspartner und falls es mal nicht so klappt, ist immer jemand da der bereitwillig unterstützt oder dolmetscht. Manchmal ist es auch schön einfach nur zuzuschauen und vielleicht die eine oder andere neue Vokabel aus dem Gespräch zu erhaschen. Auf diese Art und Weise konnte ich meine Fähigkeiten im Dialog bereits angemessen ausbauen und mein bisher Gelerntes direkt praktisch anwenden.

 

Nachdem wir bisher immer im MANIN gefrühstückt haben, trafen wir uns beim letzten Mal im Café BarCelona, hauptsächlich wegen des günstigeren Preises und der größeren Tische. Mir persönlich haben beide Locations gut gefallen. Man merkt durchaus, dass das Frühstücksbuffet im MANIN qualitativ hochwertiger ist, dafür allerdings teurer. Außerdem bieten die großen Tische im Café BarCelona einfach mehr Platz zum Unterhalten. Ich denke eine wechselnde

Location sorgt für Abwechslung und macht den Stammtisch zugänglicher, falls jemand gewisse Vorlieben hat.

 

Abschließend kann ich jedem der die DGS lernt und sich bisher nicht getraut hat an einem Stammtisch teilzunehmen aus eigener Erfahrung empfehlen es einfach zu versuchen. Ihr werdet erstaunt sein, wie viel man doch verstehen und lernen kann, auch als Anfänger!

  

Frederik

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Hallo, Ich komme gern DGS Stammtisch.

 

1. Alex B. ist schlecht
2. Manin ist Ok, aber zu teuer
3. Cafe & Bar Celona, auch zu teuer

Wolfgang

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DGS-Stammtisch Saarbrücken

 

Ich weiß nicht mehr genau seit wann ich den DGS-Stammtisch in Saarbrücken regelmäßig besuche, aber ich versuche mir diesen einen Sonntag im Monat für DGS frei zu halten.

 

Am Anfang hatte ich einige Schwierigkeiten mit der Kommunikation. Ich kannte noch nicht viele Vokabeln, ich kannte nicht viele der anderen Stammtischteilnehmer.
Die Geräusche im Lokal störten mich, so dass ich mich nicht gut auf DGS konzentrieren konnte.
Wenn ich beim Essen auf den Teller schaute und dann wieder zurück auf die kommunizierenden Personen hatte ich meistens den Faden verloren.
Auch waren die Gebärden zwischen zwei gehörlosen Personen für mich viel zu schnell.
Ich verstand sehr wenig.
Dennoch faszinierte mich dieser Austausch und ich besuchte den Stammtisch so oft es mir zeitlich möglich war. Ich lernte jedes Mal was dazu und freute mich darüber.
Für mich war es außerhalb meines Kursbesuchs eine sehr hilfreiche Übung.
Oft beobachtete ich nur die verschiedenen Unterhaltungen, da ich auf keinen Fall die Personen bei ihrer Unterhaltung stören wollte.

 

Ich bin sehr froh, dass es den Stammtisch, den Austausch und die Kommunikationsmöglichkeit gibt. Man lernt viele nette Leute kennen.
Allein zu Hause kann man Vokabeln wiederholen, aber die Möglichkeit zu haben, durch den Stammtisch sich in DGS austauschen zu können, das finde ich einfach klasse. Auch wenn nicht alles perfekt DGS ist, muss es ja auch, meiner Meinung nach, beim Stammtisch nicht sein. Wir sind ja noch am Anfang und Aufbauen. Beim Stammtisch, in lockerer Atmosphäre, macht es Spaß miteinander zu gebärden.

 

Die Gebärdensprache ist für mich eine faszinierende Sprache, die einen tollen Austausch zwischen Menschen, egal ob gehörlos oder hörend, ermöglicht, wie ich es aus der gesprochenen Sprache nicht kenne.
Bei der Kommunikation in DGS konzentrierst du dich ganz auf den Austausch mit deinem Gesprächspartner, schaust ihn dabei an und kannst so viel dabei erkennen, du kannst fehlende Vokabeln buchstabieren oder auch schwierige Wörter aufschreiben und schon kann die Unterhaltung weitergehen.

 

Ich brauchte etwas Mut, um auch zu sagen: Entschuldigung, ich hab es leider nicht verstanden, kannst du es bitte noch einmal für mich wiederholen.
Und es gab Tage, da stand ich dermaßen auf dem Schlauch, dass einmal wiederholen nicht reichte. Ich konnte es einfach nicht verstehen. In solchen Situationen war ich über die Unterstützung und Geduld der Personen und die Hilfe der Wiederholung des Wortes, und manchmal auch mit Stimme,  sehr dankbar.

 

Beim Stammtisch ergeben sich immer interessante Gesprächsthemen, auch Austausch über die verschiedenen Gebärden, Dialekte etc.  – alles sehr interessant!!! …. und wir haben viel Spaß dabei.

 

Heute gelingt es mir ganz gut den Lärm im restlichen Raum auszuschalten und mich nur auf die Gebärden zu konzentrieren. Aber es ist auch leider Tagesform, wie gut ich selbst gebärden kann und wieviel ich von den Gebärden der Anderen verstehen kann.
Aber, ich glaube, das geht dem einen oder anderen ebenso.

 

Ich würde mir weiterhin einen guten Besuch und einen unterhaltsamen Austausch durch viele Teilnehmer beim Stammtisch wünschen und freue mich auf die kommenden Treffen.

 

Irmgard


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06.09.2017

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Erfahrungsbericht über das Verhalten von saarländischen Polizisten gegenüber tauben/gehörlosen Personen

Im letzten Jahr war eine taube Frau an einem Autounfall mit Verletzten beteiligt. Sie selbst sah geschockt, aber unverletzt aus. Als die Polizisten ankamen, wollte sie sie darauf aufmerksam machen, dass sie gehörlos ist. Einer der Polizisten sagte ihr, dass sie an diesem Unfall nicht schuld ist, und wusste aber nicht weiter, was er mit ihr anfangen soll, also ließ er sie nur einfach schnell auf der Seite stehen. Um die anderen Unfallbeteiligten und Zeugen bemühte er sich viel mehr und führte ein paar Gespräche mit ihnen.
 
Was machte die gehörlose Frau? Sie stand nur dumm dabei und bekam die Gesprächsinhalte nicht mit, obwohl sie unschuldig war, und wusste nicht einmal, wie es der verletzten Person geht. Niemand kümmerte sich um sie, es war, also ob sie dafür bestraft wird, gehörlos zu sein! Endlich kam ein Notfallwagen an. Ein Sanitäter war bei ihr und spendete ihr Trost.
 
Da ihr Auto direkt zur Werkstatt gebracht wurde, wurde die Frau von ihrer Mutter abgeholt und nach Hause gebracht. Ein paar Stunden später beschloss sie, mit ihrem hörenden Bruder zur Polizeistation in der Nähe zu gehen, weil sie kaum Informationen über den Unfall sowie den Zustand der Verletzten mitbekam und deswegen keine Ruhe fand. Mit der Kommunikationshilfe durch ihren Bruder konnte der Polizist sie darüber informieren und stellte ihr dann auch gleich ein paar Fragen für das Unfallprotokoll.
 
Wie ich sehe, bemühte sich der Polizist nicht einmal, eine/n Dolmetscher/in für Deutsche Gebärdensprache für dieses Protokollgespräch usw. in der Polizeistation zu bestellen bzw. zu organisieren. Wie sähe es dann mit diesem Protokoll aus, wenn die Frau nicht spontan zu ihm gekommen wäre? Das ist wirklich sehr traurig, dass wir oft auf das Abstellgleis geschoben werden bzw. wurden, obwohl wir laut saarländischem "Behindertengesetz" nicht benachteiligt werden dürfen!!!
 
Ein anderer tauber Bekannter von mir hat bestätigt, dass er vor Jahren schon einmal einen ähnlichen Fall erlebt hat, bei dem er das Gefühl hatte, dass er von den Polizisten immer benachteiligt wurde.
 
Ich denke aber nicht, dass das wirklich so ist. Es war bestimmt keine Absicht von ihnen. Meistens kennen sie den Umgang mit tauben Menschen nicht. Dieser Umgang stellt sich sehr oft als schwierig heraus. Und ich glaube, FAST KEINER der Polizisten im Saarland kann gebärden, hat den Grundkurs für Deutsche Gebärdensprache besucht oder ist speziell geschult.
 
Klartext: Die meisten saarländischen Polizisten sind nicht in der Lage, mit tauben Menschen umzugehen bzw. mit ihnen zu kommunizieren, wenn ich mich nicht irre.
 
Noch eine andere Geschichte: Dank jemandem, der bei meinem Gebärdensprachkurs dabei war und Mitglied im Verein Notfallseelsorge & Krisenintervention Saarland e.V. ist, war ich von diesem Verein zum Teamabend in Saarbrücken eingeladen. Es hat also mit der eben oben geschriebenen Unfallgeschichte nichts zu tun.
 
Natürlich bin ich nicht allein zu der Veranstaltung gekommen, da ich taub bin, sondern ich habe meine private Kommunikationsassistentin mitgenommen. Die Gruppe von ca. 20 Personen (ich glaube, eine oder mehrere Personen waren von der Polizei) hat mich mit vielen Fragen gelöchert, und bekam von mir einige wichtige Hinweise und war wirklich froh, mich als Gehörlosen hautnah erleben zu dürfen, da sie bisher mit Gehörlosen in Notfallsituationen noch nie zu tun hatten.
 
Und eine Woche später habe ich erfahren, dass 2 Teilnehmer aus dieser Gruppe zum ersten Mal einen Einsatz hatten, bei dem 2 gehörlose Personen beteiligt waren. Sie konnten sich immerhin rudimentär mit ihnen verständigen. Na also! Aber es gab immer noch Lücken in der Kommunikation!
 
Vor allem hoffe ich sehr (sehr, sehr), dass sich die Gruppe vom Teamabend mit dem Thema Gebärdensprache und Betreuung von gehörlosen Betroffenen näher beschäftigen wird.

 

Geschrieben von Peter


Kommentar/e: 2


#2

Name:   Sigrid Meiser-Helfrich

Datum:  22.08.2018

Kommentar:  Leider habe ich diesen Bericht etwas verspätet entdeckt. Ich bin selbst taub und auch ich stoße im Alltag immer und immer wieder an Kommunikationsbarrieren, die eigentlich nicht sein müssten, wenn es ausreichend Informationen und Aufklärung zum Thema Gehörlosigkeit, Sprachbarrieren und die Möglichkeiten zum Erlernen der Deutschen Gebärdensprache gäbe. Gebärdensprache ist Menschenrecht, Kommunikation ist Menschenrecht - und trotzdem hapert es immer noch daran - überall. Aufklärung tut not, Bereitschaft, sich mit Gehörlosen und der Gebärdensprache auseinanderzusetzen, tut not - und ein offener Umgang mit der Situation. Geduld, schriftliches Fragen nach der Möglichkeit, Kommunikationshilfen anzufordern - z. B. bei einem Unfall - wären schon eine ganz große Hilfe. Selbstverständlichkeit in solchen Situationen erreichen wir durch Informationen und Öffentlichkeitsarbeit - hoffentlich! Dazu müssten die "ganz normalen Menschen" bereit sein, sich mit Gehörlosen auseinanderzusetzen und ihre Situation zu begreifen. Und wir Menschen mit Hörbehinderung dürfen nicht müde werden, auf unsere Situation aufmerksam zu machen und Lösungsvorschläge anzubieten. Obwohl: all den Gesetzen, die es für Menschen mit Behinderung schon gibt, müsste Unterstützung und Verständnis eigentlich selbstverständlich sein.


#1

Name:   Monika Wittor, 2. Vorsitzende der NKS

Datum:  26.06.2018

Kommentar:  Guten Tag Herr Schaar,

gerne möchte ich im Anschluss an ihr Posting davon berichten, dass sich die Notfallseelsorge & Krisenintervention nach dem gemeinsamen Abend dazu entschlossen hat einen Grundkurs für Gebärden für unsere Mitglieder bei Ihnen zu buchen. Der Kurs fand von April bis Juni an 8 Abenden zu je 1,5 h statt.

 

Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Herr Schaar hat mit seiner herzlichen und humorvollen Art jegliche Hemmungen im Umgang mit Gehörlosen in kürzester Zeit abgebaut. Seine beiden Kommunikationsassistentinnen übersetzten für uns hervorragend ohne dass der ausgedrückte Witz im Gespräch dabei verloren ging. Der Kurs war für uns eine große Bereicherung und hat uns viele Informationen und das nötige Handwerkszeug für den zukünftigen Umgang mit Gehörlosen geliefert.

 

Jeder Unterrichtstag wurde auf der Homepage von Herrn Schaar in Form von Videos und wiederholt, so dass man jederzeit sein Wissen auffrischen kann, was sehr hilfreich ist.

Einen entsprechenden Pressebericht über unseren Kurs werden wir noch verfassen und Ihnen gerne zur Verfügung stellen.

 

Herzliche Grüße und vielen Dank an den tollen Dozenten und sein Team

 

Monika Wittor

2. Vorsitzender der Notfallseelsorge & Krisenintervention Saarland e.V.


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06.07.2017

Vor ein paar Tagen wurde mir von der tauben Mutter eines hörenden Kindes erzählt, dass sie das Gespräch mit der Schule suchen wollte, da ihr Kind ein sehr großes Schulproblem hat. Trotzdem legte man ihr Steine in den Weg.

 

Die Lehrerin zeigte sich sehr gesprächsbereit und gab ihr einen Termin für das Gespräch in der Schule. Als die Mutter um eine Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache bat, damit eine sichere und einwandfreie Kommunikation gewährleistet ist, hatte die Lehrerin des Kindes volles Verständnis dafür und fand das eine tolle Idee.

 

ABER: Weder das Schulamt, noch das Ministerium für Bildung und Kultur, oder das Ministerium für Soziales sind bereit, die Dolmetscherkosten zu bezahlen. Die Lehrerin hat sich sogar mit der Inklusionsbeauftragten des Saarlandes in Verbindung gesetzt. Diese Beauftragte fühlte sich für diese Sache nicht zuständig.

 

Was...? Muss die Mutter die Kosten selbst zahlen, nur weil sie taub ist? Hat sie kein Recht auf ein Gespräch mit der Schule? Was ist mit den anderen "normalen" Eltern, wenn sie das Gespräch mit der Schule suchen? Es ergibt sich eigentlich kein Problem. Was ist mit der tauben Mutter? Darf sie nicht teilhaben? Wird sie "bestraft", weil sie behindert ist?

 

Vielleicht denkt ihr, dass ihre Eltern bzw. Verwandten/Bekannten ihr bei der Kommunikation helfen könnten. Aus meiner Erfahrungen würde ich davon aber sehr abraten, weil diese meistens nicht perfekt gebärden und nicht den vollen Gesprächsinhalt übertragen können. Deswegen werden Gebärdensprachdolmetscher benötigt, da sie für diese Aufgabe ausgebildet und staatlich geprüft sind. Und sie können eine qualitativ hochwertige Verdolmetschung des Gesprächs gewährleisten.

 

Die hilfsbereite Lehrerin hat der Mutter angeboten, mit ihr schriftlich zu kommunizieren. Dadurch würden keine Dolmetscherkosten entstehen. Die Mutter möchte aber ein Gespräch mit Dolmetscherin, über die sie mit der Lehrerin frei "sprechen" kann. Warum viele Gehörlose Schwierigkeiten mit der deutschen Schriftsprache haben, ist eine lange Geschichte.

 

Und sie bat mich um einen Rat, was sie tun sollte. Ich habe ihr empfohlen, eine hochqualifizierte Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache zu bestellen. Egal, was es kostet. (Anmerkung von mir: Es kostet ein paar hundert Euro!!!) Am wichtigsten ist, dass die Mutter alles mitbekommt, was bei einem Gespräch läuft und das sie sich auch selbst aktiv an dem Gespräch beteiligen kann. Ihrem Kind zuliebe tat sie es.

 

Und netterweise wollte die Dolmetscherin ihr vorerst keine Rechnung stellen und versucht momentan sogar selbst einen möglichen Kostenträger zu finden. Vor allem hoffe ich, dass es mit der Kostenübernahme gelingen wird. Ich fände es sehr unverschämt, wenn die Mutter die Rechnung begleichen müsste.

 

Ich muss sagen, dass dies kein Einzelfall ist. Das Problem ist bekannt und solche Fälle kommen fast überall im Saarland vor. Aber keiner fühlt sich dafür zuständig bzw. schaut das Ministerium einfach weg. Laut dem saarländischen Gleichstellungsgesetz dürfen wir, die Behinderten, nicht benachteiligt werden.

 

Ich erinnere mich noch daran, dass wir uns vor ein paar Jahren mit dem Mitarbeiter vom Ministerium bei dem Neujahrsempfang über die Kostenübernahme von Dolmetschern, z.B. beim Elternabend, Schulgespräch usw., unterhalten haben. Laut ihm müsste das Schulamt die Kosten tragen, weil es Geld, z.B. für Anschaffung der Schulmaterialien, vom Ministerium erhält. Die Dolmetscherkosten für private Veranstaltungen wie Elterntreffen, Schulfeste, -theater usw. sind davon aber ausgeschlossen. Ups, die anderen normalen Eltern dürfen an allem teilnehmen, was sie wollen, wir Gehörlosen eben nicht.

 

Sehr bedauerlich, dass einige taube Menschen im Saarland sich ihrer Rechte nicht genug bewusst sind und sie auch nicht in der Lage sind, dafür zu kämpfen. 2:0 für das saarländische Ministerium!

 

P.S.: Ihr fragt Euch vielleicht, wie es bei uns aussieht. Glückerweise übernehmen die nicht-staatliche Schulen unserer Kinder die Dolmetscherkosten, weil sie sagen, dass wir nicht benachteiligt werden dürfen. Für die Schulen im Saarland ist das aber wohl kaum selbstverständlich. Trotzdem bekommen wir kaum DolmetscherInnen für den Elternabend usw. Darüber werden meine Frau Andrea oder ich aber irgendwann noch etwas schreiben.

 

Geschrieben von Peter!


Kommentar/e: 1


#1

Name:   Michaela Lippert

Datum:  21.08.2017

Kommentar:   Die Konstellation ist zwar etwas anders... dennoch...ich musste auch kämpfen für den Dolmetscher für den Vorschulunterricht meines gehörlosen Enkels..

 

Es gibt im Ministerium noch die Ansprechperson, Frau Meiser-Schwitzgebel... sie hat uns schon soviel geholfen... vielleicht hat sie noch Tips, wie es dennoch möglich ist, den Elternabend finanziert zu bekommen mit Dolmetscher...

 

ebenso kann ich na klar immer Frau Ridder empfehlen, die auch ausreichend Tips hat.

 

Falls E-Mail-Adressen benötigt werden, gerne melden... ansonsten bin ich auch eine Kämpferin für den Einsatz von Dolmetschern. .. Dieser Einsatz ist unverzichtbar und so hilfreich!!!

Liebe Grüße Michaela Lippert (Grossmutter eines gehörlosen 6-jährigen Jungen)

m.lippert.66(at)web.de


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23.06.2017

Laut der CDU/CSU-Pressemitteilung vom 22. Juni 2017 müssen Gerichtsverfahren auch für gehörlose Menschen verständlich sein. Künftig zahlt der Bund Gebärdensprachdolmetscher.

 

Ihr denkt bestimmt, dass es gut so ist. Ich wünsche mir das auch, aber ich weiß nicht, ob es uns im Saarland etwas bringt. Vor 2 Jahren war ich als Zuschauer zum ersten Mal im Amtsgericht Saarbrücken. Es war eine Verhandlung in einem Streitfall zwischen zwei hörgeschädigten Parteien. Eine Gebärdensprachdolmetscherin wurde vom Gericht bestellt. Während des Verfahrens war die Übersetzung der gesprochenen Inhalte für mich und auch für die anderen Gehörlosen überhaupt nicht optimal. Weniger als die Hälfte des Gesprochenen haben wir mitbekommen und mussten feststellen, dass diese Dolmetscherin keine staatlich geprüfte Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache ist und somit keine höchste Übersetzungssicherheit gewährleisten kann.

 

Wir tauben Menschen erwarten in so einem wichtigen Kontext den Einsatz von GebärdensprachdolmetscherInnen mit abgeschlossener Prüfung, weil wir nicht nur auf das Können achten, sondern auch hohe Ansprüche an das Verhalten, die Fähigkeiten, Kenntnisse, Maximierung der Übersetzungssicherheit und vollständige Übertragungen stellen. Dies ist bei qualifizierten Dolmetschern der Fall. Sie folgen einer klar definierten Berufs- und Ehrenordnung.

 

Ich habe mitbekommen, dass diese Dolmetscherin Kind gehörloser Eltern ist, und beim Staat arbeitet. Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, dass "wer gebärden kann, automatisch übersetzen kann". Außerdem geht es mir lediglich um das Recht aller Gehörlosen auf vollständige und korrekte Übermittlung von Informationen. Ich habe das Amtsgericht per E-Mail um Überprüfung gebeten, ob die Dolmetscherin über eine entsprechende Prüfung verfügt. Leider stellte sich das Gericht quer.

 

Ein Tipp an taube Menschen: Gleich beim Beginn eines Gerichtsverfahrens könnt ihr sagen, dass ihr mit dem Einsatz einer vom Gericht bestellten GebärdensprachdolmetscherIn, die nicht hochqualifiziert oder nicht geprüft ist, nicht einverstanden seid. Der Richter müsste dann das Verfahren abbrechen und auf einen neuen Termin verschieben. Lasst euch bitte nicht verunsichern, auch wenn euer Rechtsanwalt meint "das ist nicht nötig". Denn sichere und einwandfreie Kommunikation ist unser gutes Recht!

 

Ein Lese-Tipp für die anderen, die nicht verstehen, warum wir ein Recht auf hochqualifizierte Dolmetscher für Deutsche Gebärdensprache für die Übersetzung haben: 

Im Rahmen meiner Ausbildung zum staatlich anerkannten Gebärdensprachdozenten im Jahr 2012 habe ich meine Hausarbeit über das Thema "Menschen mit Hörbehinderung und Gebärdensprachdolmetscher - Die Situation im Saarland" geschrieben. Ich würde mich freuen, wenn ihr sie lesen würdet.

Download
Hausarbeit - Peter Schaar.pdf
Adobe Acrobat Dokument 533.6 KB

Geschrieben von Peter


Kommentar/e: 3


#3

Name:   Michaela Lippert

Datum:  21.08.2017

Kommentar:   Ich bin froh, dass ich über Dominik Ridder zu dem Kurs in ST. Ingbert bei Peter gekommen bin. Der Kurs ist wirklich klasse und ich bin sehr dankbar!!! ich bin auch dankbar für diese Seite und möchte alle Gehörlosen Menschen bitten, sich nicht einfach "abspeisen" zu lassen. Es gibt Rechte und dies sollten genutzt werden!!!! Viele Grüße


#2

Name:   XX

Datum:   04.07.2017

Kommentar:   Es gibt Interessantes zu lesen über das Thema "Eine Anhörung beim Bamf kann für einen Asylbewerber lebenswichtig sein. Trotzdem sind die Dolmetscher oft schlecht qualifiziert. Warum?" - SPIEGEL ONLINE!  


#1

Name:   Eva Heinen

Datum:   26.06.2017

Kommentar:   Ich bin sehr froh , dass ich Peter kennenlernen durfte. Er führt unseren Kurs mit so viel Leidenschaft und Witz, dass man alles versteht. Ich bin froh diesen weg eingeschlagen zu haben und hoffe, meine Kenntnisse weiter ausbauen zu können. Ich würde mich gerne mit Hilfe von Peter weiter bilden evtl mit staatlicher Prüfung.


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